Oh Mann!

23.07.2016 London Foto : Malte Krudewig ASV-Atnnr.41018897 Sir Geoffrey Charles Hurst (ehemaliger englischer Fußballspieler) und Hans Tilkowski (ehemaliger deutscher Fußballtorwart und -trainer) imWembley Stadion in London. Hier wurde vor 50 Jahren das berühmte Wembley Nicht-Tor geschossen. Bis heute ist umstritten ob der Ball die Torlinie übertreten hat oder nicht. Heute treffen sich exclusiv für Sport-Bild die beiden Haupt-akteure dieses historischen Momentes. Henning Feindt Michael Reis Henning Fei (Foto: Foto: Sportbild/Malte Krudewig)

Heute im Interview: Geoff Hurst und Hans Tilkowski. Schütze und Torwart beim denkwürdigsten Tor der WM-Geschichte, dem „Wembley-Tor“ vom 30. 7. 1966


SPORT BILD brachte den dreifachen englischen Torschützen und den deutschen Torwart Hans Tilkowski zum Interview wieder im Wembley-Stadion zusammen. Die Helden von damals sind Freunde geworden.

Gibt es einen Tag in Ihrem Leben, an dem Sie die berühmte Frage „Drin oder nicht drin“ nicht gehört haben?
HANS TILKOWSKI (82): Wenn ich jedes Mal einen Euro genommen hätte, wäre ich heute reicher als Onassis. In den Wochen nach dem Spiel habe ich jeden Tag 1000 Briefe in einer Wanne nach Hause geliefert bekommen. Wenn ich den Postboten nur sah, bekam ich schon erhöhten Blutdruck. Es lagen teilweise 40 000 Briefe bei mir im Keller - und ich musste alle durchsehen, da meine private Post ja dazwischenlag. Ich hatte immer Angst, einen Verrechnungsscheck zu verpassen. Bis heute kommen drei bis sechs Briefe pro Tag.
GEOFF HURST (75): Bei mir ist es heute fast noch mehr als früher. Die Menschen wollen Glückwünsche zur Hochzeit, zur Taufe, zu allem. Am schlimmsten sind die Selfies. Einige Leute fragen gar nicht mehr, sondern legen mir von hinten den Arm über die Schulter und legen einfach los.

Wer hat Ihnen die Frage nach dem Tor das erste Mal gestellt?
HURST: Die Mitspieler in der Kabine. Meine Antwort ist genau wie früher: Ich hatte bis zum Finale nur sechs Länderspiele gemacht und konnte plötzlich Weltmeister im eigenen Land werden. Nachdem ich abgezogen hatte, war der Glaube, dass es ein Tor war, größer als mein eigenes Leben an sich - und so ist es heute noch. Ich konnte den Ball nicht sehen, weil Hans mir im Sichtfeld stand, aber für mich ist klar: Der Ball war drin!
TILKOWSKI: Von wegen! Mir ist seit über 50 Jahren klar, dass er nicht drin war. Dazu brauche ich auch keinen Videobeweis, das war eindeutig.

War der Ball haltbar?
TILKOWSKI: Uwe Seeler hat zu meinem 70. Geburtstag gesagt, er hätte den Ball locker rausgeköpft - dabei kommt Uwe gar nicht an die Latte ran, weil er so klein ist.
HURST: Uwe hätte einfach mehr Tore machen müssen, dann hätten wir die Diskussion jetzt nicht.

Sie haben auch den 1:1-Ausgleich und das 4:2 in der Nachspielzeit erzielt, als schon mehrere Fans über den Platz liefen. Wie viele korrekte Tore waren es aus Ihrer Sicht?
TILKOWSKI: Ganz klar - eins! Nur das erste war korrekt.

Was ging nach dem Abpfiff in Ihnen vor?
TILKOWSKI: Mir war sofort klar, dass so eine Chance für mich nie wiederkommen wird. Ich habe nichts mehr wahrgenommen und hemmungslos geweint. Richtig bewusst wurden mir die Tränen aber erst Jahre später beim Anblick der TV-Bilder. Bei Sigi Held liefen die Tränen auch runter - so emotional habe ich ihn nie wieder gesehen.

Wie ging es nach dem Spiel in der Kabine zu - gab es erst mal ein Bier?
TILKOWSKI: Wir hatten nur Wasser.
HURST: Das ganze Bier hatten wir uns gesichert, bei uns gab es sogar Champagner in der Kabine.
TILKOWSKI: Das Schlimmste nach Abpfiff war die Siegerehrung für mich. Die Stufen zur Tribüne hoch. Wenn man normal verliert, hat man dazu schon keine Lust. Wenn man so verliert, erst recht nicht. Immerhin hatte ich die Möglichkeit, Queen Elizabeth zu sehen. Sie war damals 40 Jahre alt. Eine sehr hübsche Frau.

Sir Geoff, die Queen schlug Sie 1998 zum Ritter des Britischen Empire. Hat Sie mal gefragt, ob der Ball drin war?
HURST: Nein, ich kann mich an ihre Worte nach dem Finale nicht richtig erinnern. 1998 sagte ich ihr nur, dass wir fast Nachbarn sind, weil ich einen Landsitz neben ihr gekauft hatte. Ich denke, ohne den Sieg wäre mir diese Ehre nicht widerfahren.

Nach dem Spiel gab es einen Empfang mit allen Halbfinal-Teams im Royal Garden Hotel. Waren Ihre Frauen dabei?
TILKOWSKI: Nein, das war undenkbar. Damals herrschte noch die Herberger -Schule. Er sagte immer: Ein Schlosser nimmt seine Frau auch nicht mit in die Werkstatt - das kommt nicht infrage.

Sie waren auch zusammen bei der Einweihung einer Statue für Linienrichter Tofik Bachramow in Baku, nachdem dieser zuvor verstorben war.
HURST: Ja, das war das Mindeste, was ich tun konnte nach all dem, was er für uns getan hatte (lacht).
TILKOWSKI: Der zweite Linienrichter, ein Mann aus der Slowakei, sagte mir Jahre nach dem Finale: „Für mich war klar, dass der Ball nicht drin war. Aber ich wurde ja gar nicht gefragt.“ Ich würde mir wünschen, dass ihr nach 50 Jahren einfach zugeben würdet, dass er nicht drin war.

Welche Prämie haben Sie damals bekommen?
TILKOWSKI: 10 000 Mark.
HURST: Bei uns waren es 22.000 Pfund – für die ganze Mannschaft. Wir sollten es unter 22 Spielern aufteilen. Wer mehr gespielt hat, sollte mehr kriegen. Wir haben es aber gerecht verteilt, also 1000 Pfund pro Mann. Auch daran hat man gesehen, wie wir als Mannschaft zusammenhielten.

Deutschland wurde seitdem dreimal Welt- und dreimal Europameister. Warum hat England danach nichts mehr gewonnen? Das kann ja nicht nur am anderen Schiedsrichter liegen, oder?
HURST: (lacht) Die Liga ist das Problem. Es gibt zu viele ausländische Klubeigner, zu viele ausländische Spieler, zu wenig Platz für Talente.

Quelle: Neues Buch „Unsere Fußballhelden – Die legendärsten Spieler der Welt“ – www.delius-klasing.de
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