Oh Mann!

(Foto: Foto: BFV)

Heute im Interview: Unattraktives Ehrenamt? BFV-Verbands-Ehrenamtsreferent
Dieter Habermann redet im Interview Klartext

Herr Habermann, Sie stehen beim Bayerischen Fußball-Verband an der Spitze der Ehrenamtsbewegung. Verwalten Sie ein Auslaufmodell?
Wie kommen Sie darauf? Das Gegenteil ist doch der Fall. Das Ehrenamt steht so hoch im Kurs wie nie.

Das ist eine mutige Aussage. Es wird doch an allen Ecken und Enden händeringend nach Ehrenamtlichen gesucht.
Das ist keine mutige Aussage, sondern ein Fakt. Wir haben laut dem Allensbacher Institut für Demoskopie in Deutschland aktuell 14,36 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Die Zahlen sind in den letzten Jahren sogar stetig gestiegen.
Woher kommt denn dann der Eindruck, dass sich niemand mehr für die Ehrenämter - beispielsweise im Fußballverein - begeistern lässt, wenn es doch keinen Grund zu jammern gibt.
Natürlich wird händeringend nach Helfern und Mitarbeitern gesucht. Arbeit gibt es schließlich genug. Und die freiwilligen Helfer stehen weiß Gott nicht vor der Türe Schlange. Aber nur jammern, dass sich niemand finden würde, bringt uns nicht voran. Es macht mich sogar richtig wütend. Ja, es stimmt: Ich finde nicht mal eben einen neuen Vereinsvorsitzenden, einen Jugendleiter, Trainer oder Betreuer. Nur liegt es ganz offensichtlich ja nicht daran, dass es keine Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wir haben wie gesagt Rekordzahlen in Deutschland. Nicht immer hat also das Bauchgefühl recht.

Wie passt das denn zusammen?
Ganz einfach: Das Entscheidende ist doch, wofür sich die Menschen engagieren, wie viel Zeit sie dafür aufbringen müssen und auch, was sie selbst davon haben. Diese Fragen haben sich die Menschen bei der Wahl eines Ehrenamtes schon immer gestellt. Allerdings müssen die Antworten heute anders ausfallen als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Das müssen Sie erklären!
Die Bereitschaft der jungen Generation, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist kleiner geworden, nicht wahr?

So ist zumindest die landläufige Meinung.
Gut. Eine Frage: In der ganzen Welt wurde Deutschland dafür bewundert, wie viele Menschen sich in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagiert haben. Welche Altersgruppe hat sich denn 2014 am stärksten eingebracht?

Sie werden es uns verraten.
Die 20- bis 29-Jährigen mit 28,8 Prozent. Das sind Zahlen der Humboldt-Universität Berlin. Gefolgt von den über 60-Jährigen mit 24,5 Prozent. Das zeigt, dass auch die Jungen sehr wohl bereit sind, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Wenn die Bereitschaft – auch der jungen Menschen – da ist, warum tun sich Vereine denn so schwer, diese Menschen zu binden?
Wir fragen uns immer noch viel zu häufig: Wie begeistere ich die Menschen für ein bestimmtes Ehrenamt? Die Frage muss aber eher lauten: Wie muss das Ehrenamt aussehen, dass sich die Menschen dafür begeistern und welche Gestaltungsmöglichkeiten habe ich? Das betrifft den Verband genauso wie jeden einzelnen Verein. Ob wir wollen oder nicht: Das müssen wir alle verstehen, sonst werden wir scheitern! Dann würde ich tatsächlich ein Auslaufmodell verwalten.

Wie soll das Ehrenamt denn im Fußballverein aussehen? Ein Trainer ist ein Trainer, ein Jugendleiter ist ein Jugendleiter.
Für die Bezeichnungen der Ämter stimmt das, nicht aber für die Aufgabengebiete. Ein Jugendleiter in den 1990ern ist doch kaum mehr mit dem Jugendleiter im Jahr 2016 zu vergleichen. Manche Kernaufgaben sind geblieben, die Rahmenbedingungen aber völlig andere. Zwei Denkanstöße dazu: Im Jahr 2009 hat das Bundesfamilienministerium die Motivation für ehrenamtliches Engagement abgefragt. Wenn zu mir jetzt jemand kommen und sagen würde: Komm‘ Dieter, als Trainer bei uns im Verein lernst du was für deinen späteren Beruf. Ich würde demjenigen einen Vogel zeigen. Ich bin schließlich 68 Jahre alt. Aber 56 Prozent der 14- bis 30-Jährigen versprechen sich von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, dass sie mit den im Ehrenamt erworbenen Kompetenzen auch beruflich vorankommen. Umgekehrt brauche ich keinem 18-Jährigen sagen, dass die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jung und fit hält.

Und der zweite Denkanstoß?
Der Faktor Zeit!

Die hat bekanntlich niemand.
Zumindest ist es für fast 70 Prozent der nicht-ehrenamtlich Tätigen der Hauptgrund, abzuwinken. Kurioserweise hat die Altersgruppe der 31- bis 65-Jährigen, die man sicherlich als die Erwerbstätigen bezeichnen kann, laut des letzten sogenannten „Freiwilligensurveys“ des Bundesfamilienministeriums von allen Altersgruppen die höchste Engagementquote, gefolgt von den 14- bis 30-Jährigen und dann erst den über 65-Jährigen, denen in der Regel am ehesten die Zeit für ein Ehrenamt zugesprochen wird. Die Bertelsmann Stiftung hat veröffentlicht, dass die Zahl derer, die sich wöchentlich mehr als sechs Stunden ehrenamtlich engagieren, um die Jahrtausendwende deutlich abgenommen hat. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Ich blicke deshalb lieber nach vorne. Viel wichtiger ist, dass die Zahl derer, die sich regelmäßig bis zu fünf Stunden wöchentlich engagieren, entsprechend zugenommen hat und sie ist über die Jahre konstant hoch geblieben – bei fast 70 Prozent! Aktuelle Prognosen besagen, und das ist auch nicht verwunderlich, dass der Trend bei den Jüngeren und den Erwerbstätigen zu noch weniger Stunden geht. Also muss ich mich mir Gedanken machen, wie ich die vorhandene Arbeit zum Beispiel so anpasse, dass das Gros mit fünf oder weniger Wochenstunden zu erledigen ist.

Wie optimistisch sind Sie, diesen Wandel beim Ehrenamt zu schaffen?
Sehr optimistisch. Das gilt für den Verband wie auch für die Vereinswelt. Denn wir stellen uns die richtigen Fragen und befinden uns bereits mitten im Wandel. Und machen wir uns nichts vor: Wir haben beim Thema Ehrenamt doch eine starke Ausgangsposition. 2009 brachten sich 47 Prozent aller ehrenamtlich Engagierten in Deutschland laut Bundesfamilienministerium in einem Verein ein. Eine kleinere, aber neuere Stichprobe von 2014 zeigt, dass Sportvereine auch bei ehrenamtlich engagierten Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren die Nummer eins sind. Fragen Sie mal eine Partei, eine Gewerkschaft oder die Kirche, wie es dort mit der Bereitschaft zur Mitarbeit aussieht, wie schwer die sich tun, Ehrenamtliche zu finden. Vereine sind nach wie vor attraktiv – Fußball als Volkssport Nummer eins ohnehin. Zudem sind über 50 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen ehrenamtlich engagiert.
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