Unterschiedliche Auffassungen über das Armutsgefährdungsrisiko in Bayern - Die Unsicherheit wächst weite

Schreckensszenario für viele Menschen: Trotz jahrelanger Einzahlung in die Rentenkassen eines Tages doch auf der Straße zu sitzen. (Foto: Henning-Hraban-Ramm_pixelio.de)
Schweinfurt (red). Die Flüchtlingsdiskussion hat ein mindestens ebenso großes Problemfeld weitgehend aus den Schlagzeilen verdrängt. Die Armuts-Reichtumsschere ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich weiter auseinander gegangen.
Laut einer Bertelsmann-Studie leben in keinem Bundesland so wenige Kinder unter 18 Jahren in Hartz-IV-Haushalten wie im Freistaat, gleichwohl belegt Schweinfurt dabei einen Spitzenplatz. 21,9 Prozent aller unter 18-jährigen leben in der Industriestadt in einem Haushalt dessen Haupteinnahmequelle Hartz IV ist. Auf ganz Bayern bezogen liegt der Schnitt der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten gerade einmal bei 6,8 Prozent.
Aus der jährlichen Stichprobenerhebung des Bayerischen Landesamtes für Statistik geht hervor, dass das Armutsgefährdungsquote in Bayern bei 11,6 Prozent liegt. Im Vergleich aller Bundesländer verzeichnete der Freistaat damit den niedrigsten Bevölkerungsanteil mit Armutsgefährdung. Baden-Württemberg und Hessen folgten mit 11,8 bzw. 14,4 Prozent. Schlusslicht der deutschen Bundesländer war Bremen, wo jeder Vierte (24,8 Prozent) armutsgefährdet war. Bundesweit betrug die Quote 15,7 Prozent.
Differenziert nach dem Geschlecht waren von den Männern im Freistaat 10,3 Prozent und von den Frauen 12,9 Prozent von relativer Einkommensarmut betroffen. Eine erhöhte Armutsgefährdung wurde für junge Erwachsene im Alter von 18 bis unter 25 Jahren (16,8 Prozent) und für Personen ab 65 Jahren (16,7 Prozent) gemessen.
Eine besonders hohe Armutsgefährdung wiesen Alleinerziehende und deren Kinder auf, für die im Jahr 2015 eine entsprechende Quote von 36,7 Prozent errechnet wurde.
Personen ohne deutschen Pass waren im Jahr 2015 mit 23,2 Prozent wesentlich häufiger von Armut bedroht als deutsche Staatsbürger. Hier lag die Armutsgefährdungsquote bei lediglich 10,2 Prozent. Etwas geringer war sie bei Personen ohne Migrationshintergrund (9,5 Prozent), während knapp jeder Fünfte mit Migrationshintergrund von relativer Einkommensarmut betroffen war (19,1 Prozent).
Und obwohl das Armutsgefährdungsrisiko in Bayern am niedrigesten im Ländervergleich ist, schlägt der Sozialverband VdK Alarm.
„Armut gibt es auch in Bayern. Zwar steht der Freistaat im deutschen Ländervergleich ganz gut da. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Armutsgefährdung gerade für Ältere sehr real ist“, sagte Ulrike Mascher, Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern, angesichts der heute veröffentlichten Armutszahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach ist die Armutsgefährdungsquote in Bayern insgesamt leicht gestiegen. 2015 waren gemessen am Landesmedian 15 Prozent der bayerischen Gesamtbevölkerung von Armut bedroht, was einem Anstieg von 0,2 Prozent entspricht. Die Armutsgefährdungsquoten der über 65-Jährigen im Freistaat ist zwar um 0,3 Prozent zurückgegangen, liegt mit 21,8 Prozent aber immer noch sehr deutlich über der allgemeinen Quote. Altersarmut ist vor allem für Frauen in Bayern eine reale Gefahr, denn 24,4 Prozent von ihnen haben ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle.
Erstmals hat die Armutsschwelle in Bayern die 1000-Euro-Grenze überschritten. Diese wird bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens für einen Alleinstehenden festgelegt: Sie liegt in Bayern bei 1025 Euro. „Wenn man weiß, dass in Bayern die Neurenten im Durchschnitt kaum diesen Wert erreichen, ist das ein Indiz für die wachsende Kluft zwischen Renten und anderen Einkommen. Deshalb fordert der Sozialverband VdK, dass der Rentensinkflug gestoppt werden muss, damit Rentnerinnen und Rentner nicht komplett von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt werden“, so VdK-Vorsitzende Mascher. 

Der Kommentar: Nicht nur der Umgang mit der Flüchtlingskrise
Gerhard Schröder hat mit der Agenda 2010 die deutschen Sozialsysteme zwar revolutioniert und die Basis für den anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung geschaffen, doch in der Folgezeit wurde es versäumt diese Errungenschaft dergestalt auszubauen, dass die dabei durchaus auch entstandenden sozialen Ungerechtigkeiten abgebaut wurden. Stattdessen ging die Armuts-Reichtumsschere immer weiter auseinander. Gerade die CSU ist verwundert und kann es sich überhaupt nicht erklären, dass trotz florierender Wirtschaft immer mehr Bürger zu radikalen Parteien abdriften und nicht die guten Wirtschaftszahlen honorieren. Auch die wunderbaren Börsendaten von Anja Kohl in den Tagesthemen gehen an der Tagesrealität des Normalbürgers vorbei. Es ist eben nicht nur die Flüchtlingsproblematik, die die Menschen umtreibt, sondern auch jene Sozialsituation. Schon unter „ewig-Minister“ Norbert Blüm waren all jene Menschen auf der Welt, die in den kommenden 30 Jahren in Rente gehen werden. Beruhigende Konzepte für die Sozialabsicherung im Alter konnten aber weder er, noch seine Nachfolger präsentieren. In einem bislang noch von einer satten Mehrheit getragenen Zweierbündnis haben es sich die großen Koalitionsparteien gemütlich gemacht. Doch der Bürger lässt sich nicht von guten Wirtschaftszahlen beeindrucken, ihn interessiert allein der Inhalt des eigenen Geldbeutels und vor allem wie dieser in der Zukunft aussehen wird. Dass auf einmal Milliarden von Euro zur Flüchtlingsbewältigung zur Verfügung standen, die vorher nicht im Haushalt eingeplant waren und auch nicht gewesen sein konnten, hat zusätzliche Fragen aufgeworfen, wo den wohl das Geld gebunkert ist. Es ist eine ganz natürliche Reaktion der breiten Masse, Forderungen nach anderem Einsatz der Mittel zum eigenen Wohl zu stellen.
Redaktionsleiter Daniel Wiener
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