Nur Fußball – Sonst nichts! Eine Fußballreise nach London führt zum FC Millwall – Warum die „Ungeliebten“ doch geliebt werden

Fußball und sonst nichts, zumindest nicht viel bietet der FC Millwall seinen Fans. Trotzdem strömen rund 10.000 Zuschauer bei jedem Heimspiel in das Stadion „The Den“ des Drittligisten. (Foto: Nadine Müller)
 
FC Millwall gegen Milton Keyns Dons. Die Partie endete 2:1. Held des Tages war Lee Gregory (der am weitesten rechts stehende Spieler in hellem Trikot), der zum 1:0 einköpfte und in der Nachspielzeit einen viel umjubelten Foulelfmeter zum 2:1 Endstand verwandelte. (Foto: Fabian Wiener)
London (Vereinigtes Königreich): The Den | London (el). „Nobody likes us, but we don´t care!“, es mag uns niemand, aber es ist uns egal! So lautet der Slogan des FC Millwall. Es scheint ihnen auch tatsächlich egal zu sein, was man über sie denkt, sie wollen nur den Fußball ihres FC Millwall sehen – sonst nichts.
Der Fußballclub aus dem Londoner Süden steht nicht im Rampenlicht, wie die feinen Premier League Clubs aus dem reichen Norden, der FC Chelsea, FC Tottenham oder Arsenal. Auch West Ham United gehört zum elitären Quartett der vier höchstklassigen Londoner Vereine, galt aber lange als das Feindbild des FC Millwall. Dieser wiederum kickt derzeit nur Drittklassig, durfte bestenfalls mal an den großen Pokalen schnuppern. 2004 etwa, als das FA-Cup-Finale gegen Manchester United verloren wurde und man im UEFA-Cup ran durfte, dort allerdings schon in der ersten Runde raus flog. In der höchsten englischen Liga gab es bislang nur von 1988 bis 1990 ein Gastspiel.
Feindbilder hat der FC Millwall viele, das spürt der Besucher des Stadions „The Den“, nur unweit der Hafendocks Surrey Quays gelegen. Fremden gegenüber verhält man sich zwar durchaus korrekt, aber auch reserviert, vor allem auch Medien gegenüber, die den FC Millwall einst zur Brutstätte des Hooliganismus erkoren hatten, zu einer Zeit um die Jahrtausendwende, als es in allen größeren Stadien auf der Insel zu Ausschreitungen kam. Für den Spielfilm Green Street Hooligans aus dem Jahre 2005 musste jedoch ausgerechnet der FC Millwall als fiktiver Hooligan-Club herhalten und seitdem glauben die Fans aus dem Stadtteil Lewisham, dass sie niemand mehr mag. Doch davon ist heutzutage nichts mehr zu spüren.
Der Verein hat sich auf das Wesentliche konzentriert, auf eine Mannschaft die läuft und kämpft und dem Beinamen „The Lions“ gerecht wird. Nicht umsonst ist der Löwe Teil des Vereinswappens, und zumindest die Relegationsränge zum Aufstieg in die 2. englische Liga sind heuer realistisch. Auf dem Weg ins FA-Cup-Viertelfinale war erst beim FC Tottenham Endstation. Zuvor waren mit Bounemouth, Watford und Meister Leicester gleich drei Erstligisten aus dem Weg geräumt worden.. Zwei verkleidete Plüschlöwen laufen vor dem Stadion auf und ab, begrüßen die Zuschauer uns lassen sich fotografieren.
Dennoch ist es nicht leicht diesen Club zu mögen. Das Stadion fasst zwar 20.000 Personen ist in der Regel bei Spielen aber nur zur Hälfte besetzt. Dabei spielt es auch keine Rolle in welcher Liga der Club spielt. Millwall hat man im Blut, da geht man hin, ohne Rücksicht auf die tabellenmäßige Verfassung des Teams. Wie Millwall tickt zeigen die drei Fahnen auf dem Stadiondach. Nicht etwa der Union Jack wird von zwei Millwall-Fahnen flankiert, sondern die weiß-rot gekreuzte englische. Die Einrichtung im Stadion ist spartanisch, im Innenbereich sind nicht einmal die Wände verputzt. Immerhin wurde der Mörtelaustritt zwischen den Fugen beim Bau provisorisch entfernt. „The Den“ eben – die Höhle. Eine Höhle, die so harmlos geworden ist, dass sie nicht einmal mehr einen Zaun als Abgrenzung zum Spielfeld braucht. Dies wiederum entspricht englischen Gepflogenheiten, die nach früheren Zuschauerkatastrophen den Fluchtweg zum Innenraum frei halten. Die Ordner in leuchtend orangen Westen beobachten dafür während des gesamten Spiels die Zuschauerränge. Nicht einmal Bier darf konsumiert, geschweige denn geraucht werden. Dafür quillen die Abfalleimer vor dem Stadion mit leeren Flaschen über. Die Konzentration der Supporters gilt ganz allein dem Spiel, wenngleich immer wieder auch lautstark und unflätig herumgeschrien wird – das unterbinden die Ordner nicht. Geradezu luxuriös erscheint in dem kargen Ambiente die hochmoderne Anzeigetafel, auf der im Großformat das Spiel live übertragen wird.
Die Fans tragen ihre Identität nur mit kleinen Vereinssymbolen zur Schau, bestenfalls Fan-Schals werden getragen, keine Fahnen, kaum Trikots oder sonstiger Vereinstreuebombast, wie man ihn aus deutschen Stadien kennt. Dafür viele und laute Gesänge im gesamten Stadion, insbesondere auf der Cold-Blow-Lane hinter dem südlichen Tor. Der Wind pfeift überall kalt. Auch im Barry-Kitchener-Stand, dem großen Vereinsidol gewidmet, der dem Verein von 1966 bis 82 ununterbrochen treu blieb . Und der besondere Charme des englischen Fußballs wird leibhaftig spürbar, wenn nach einem Torerfolg die Vereinshymne „Let em all come down to the Den“ aus tausenden Kehlen gegrölt wird. Nur Fußball – sonst nichts. Die Treue zum Verein ist im Kopf eingemeißelt.
Familien mit Kindern sieht man keine. Mode- und Erfolgsfans schon gar nicht. Jugendliche und junge Erwachsene gehen aber dennoch mit älteren Kindern ins Stadion. Offensichtlich sind es nicht deren Kinder, sondern jüngere Geschwister. Dem Spielverlauf folgen diese Gruppen nur nebenbei, sie ordnen auch auf den Zuschauerrängen ihre Hierarchien. Das ist zwar etwas skurril anmutend, passt aber ins Bild dieses ehemaligen Hafenviertels, obwohl die Eintrittspreise für ein Drittligaspiel mit umgerechnet rund 35 Euro recht happig sind. Aber egal, hier wird das Erbgut für den FC Millwall weiter geben. Hier werden Schiedsrichterentscheidungen lautstark kommentiert, doch mit dem Schlusspfiff ist alles vorbei und vergessen. Nicht einmal einen Dank an die Fans hat die Mannschaft übrig. Keine fünf Minuten nach Ende ist das Stadion so gut wie leer. Nur Fußball – sonst nichts. Und irgendwie mag man ihn am Ende dann doch, den FC Millwall – vielleicht gerade deswegen.
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