Großvater als grausamer Schlächter

Jennifer Teege bei ihrem Vortrag im Bayernkolleg Schweinfurt. (Foto: Lehmeyer)
Jennifer Teege ist die Enkelin des aus „Schindlers Liste“ bekannten KZ-Kommandanten Amon Göth

Schweinfurt
(tl) – Vor den interessierten Zuhörern im Bayernkolleg Schweinfurt steht eine dunkelhäutige Frau nigerianischer Herkunft. Sie hat fünf Jahre in Israel studiert und spricht deshalb fließend Hebräisch. Viele ihrer Freunde sind Juden. Nichts deutet darauf hin, dass diese Frau die Enkelin eines Massenmörders ist, die Enkelin des aus Steven Spielbergs Spielfilm „Schindlers Liste“ bekannten sadistischen KZ-Kommandanten Amon Göth. Aber genau die ist Jennifer Teege.
Ihre Geschichte bietet Stoff für einen ganzen Film. Jennifer Teege war wenige Wochen alt, als sie von ihrer Mutter in ein Kinderheim gebracht wurde. Auch ihre liebevollen Adoptiveltern konnten nicht verhindern, dass sie in eine tiefe Lebenskrise fiel. Sie war anders. Allein durch ihre Hautfarbe grenzte sie sich von ihren Adoptivbrüdern ab. Ständig stellte sie sich die Frage nach ihrer Identität. Ohne Antworten. Die zahlreichen Therapien konnten ihr aus der Depression ebenfalls nicht heraushelfen.

Mit achtunddreißig Jahren machte sie eine unglaubliche Entdeckung. In der Hamburger Zentralbücherei fand sie ein Buch mit dem Untertitel: Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus „Schindlers Liste“. Monika Göth. Das ist der Name ihrer Mutter. Sie blätterte weiter und fand schließlich auch den Namen ihrer Großmutter. Name, Geburtsdaten, alles stimmt überein. Jennifer Teege hat ein Buch über ihre eigene Familie gefunden.
Zuerst fiel sie in eine weitere Lebenskrise. Sie wusste nicht mehr, zu wem sie gehört. Zu ihrer Adoptivfamilie oder ist sie jetzt eine Göth. Sie fühlte sich wie eine Betrügerin. Ihr Großvater ist für den Mord an tausenden Juden verantwortlich und sie lebte jahrelang in Israel mit ihnen Seite an Seite, als wäre nichts gewesen. Dabei ist sie betrogen worden. Wieso gibt es ein Buch über ihre Familie und sie weiß nichts davon.

Doch dann begann Jennifer Teege mit der Aufarbeitung und das Buch erwies sich als Schlüssel zu dem Leben, nach dem sie die ganze Zeit gesucht hat. Zunächst musste sie feststellen, dass die Filmfigur Amon Göth aus Schindlers Liste in keinster Weise eine fiktive Figur ist. Ihr Großvater kommt dem an Grausamkeit und Sadismus in jedem Fall nach. Amon Göth, der 1946 als „Schlächter von Plaszow“ hingerichtet wurde war Kommandant des Konzentrationslagers Plaszow bei Krakau. Das Morden von Juden bereitete ihm eine große Lust. Er war kein Mitläufer der damaligen Zeit. Er war ein grausamer Kriegsverbrecher. Amon Göth schoss vom Balkon seiner Villa aus Freude auf Juden wie ein Jäger auf Tiere. Er richtete seine Hunde auf Menschen ab, hetzte sie auf Juden und war verantwortlich für Ghettoräumungen in Polen. Dieser Psychopath ist der Großvater von Jennifer Teege. Dennoch fiel es ihr nach einiger Zeit leicht, sich von ihm zu distanzieren. Allein die Hautfarbe grenzt sie von ihm ab. „Für ihn wäre ich wohl eine Schande gewesen“, meint Jennifer Teege. Das Buch, das sie über ihre Geschichte geschrieben hat, nannte sie deshalb auch treffend: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Schwieriger war es für sie, über das Verhalten ihrer Großmutter hinwegzusehen. Diese hat Jennifer Teege noch als kleines Mädchen kennengelernt. Ruth Irene Göth war die wichtigste Bezugsperson in ihrer Kindheit. Sie hatte immer das Gefühl von ihr geliebt zu werden. Ausgerechnet diese Frau war aber blind für einen Massenmörder und ist ihr Bindeglied zum toten Großvater.
Mittlerweile gelingt es Jennifer Teege zwischen ihrer Großmutter Ruth Irene Göth und der Frau zu unterscheiden, die bis zu ihrem Tod ein Bild von Amon Göth über ihrem Bett hängen hatte. Dazu hat ihr auch die Kontaktaufnahme mit ihrer Mutter nach über 20 Jahren verholfen. Zwar ist der Kontakt mittlerweile wieder abgebrochen, allerdings konnten viele persönliche Fragen, aber vor allem auch Fragen zu der NS-Vergangenheit ihrer Familie geklärt werden. Jennifer Teege kann heute auch ihre Mutter besser nachvollziehen, warum diese sie abgegeben und nie etwas über ihren Großvater erzählt hat. „Sie wollte mich durch dieses Wissen nicht unnötig belasten. Die Intention war also eine gute. Das Ergebnis war dennoch desaströs. Ich bin in eine Identitätskrise gerutscht,“ erklärt sie. Diese ist mittlerweile überwunden, wie auch ihre Depressionen.

Jennifer Teege ist heute ein lebensfroher Mensch und trägt ein ansteckendes Lächeln. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann lebt sie in Hamburg. Ihre Kinder wissen über die NS-Vergangenheit ihrer Familie Bescheid. Gesprochen wird darüber aber trotzdem nicht viel. Denn wie Jennifer Teege zeigt: Täter müssen nicht für immer Täter bleiben.
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