Claudia Roth diskutierte mit Entscheidungsträgern aus dem Landkreis Schweinfurt über den ländlichen Raum

Claudia Roth mit Bürgermeisterin Helga Fleischer beim Rundgang über die Gochsheimer Kirchweih am Nachmittag vor der Hausener Gesprächsrunde

Auf ihrer Sommertour traf sich Claudia Roth, amtierende Vizepräsidentin des deutschen Bundestags und bayrische Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl 2017, zu einer Gesprächsrunde über „Die Zukunft des ländlichen Raumes“ mit Entscheidungsträgern aus dem Landkreis Schweinfurter in der Hausener Brauereigaststätte Ulrich Martin in Hausen.

In ihrem Eingangsstatement machte Roth deutlich, wie sehr sich der ländliche Raum in den letzten Jahrzehnten verändert hat: Während in ihrer Jugendzeit im Unterallgäu in den 60er- und 70-er Jahren im Unterallgäu diejenigen noch ausgegrenzt wurden, die nicht dem Mainstream entsprachen, zögen heute Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ganz bewusst aufs Land. Viele Wohnformen wie z.B. Mehrgenerationenhäuser ließen sich aufgrund der hohen Immobilienpreise in den Ballungsräumen gar nicht mehr realisieren. Auch die Integration von Geflüchteten gelänge in einer Dorfgemeinschaft auf dem Land oft besser als in der anonymen Großstadt mit der Gefahr der Ghetto-Bildung.
Dabei machte Roth aber auch deutlich, dass es den einen „ländlichen Raum“ in Deutschland nicht gibt. Während etwa die Bodenseeregion und das Emsland prosperieren und sogar ein Bevölkerungswachstum verzeichnen, dünnen viele ländliche Gebiete vor allem in den neuen Bundesländern aus. Die besten Köpfen ziehen weg.
Gefragt nach den Problemen des ländlichen Raums verwies Peter Pfister, Bürgermeister der 2800 Einwohner zählenden Gemeinde Waigolshausen (4 Ortsteile), auf die vielen Leerstände in den Ortskernen. Oft sei es sehr schwer, die Inhaber verwaister Anwesen zum Verkauf zu bewegen - die Renovierung bzw. der Abriss alter Häuser ist teuer, so dass die Ausweisung neuer Baugebiete für viele Kommunen der bequemere Weg ist. Angesprochen auf das Thema ÖPNV betonte Pfister, dass Waigolshausen mit seinem Bahnhof gut versorgt sei, gab aber zu bedenken, dass es auch Angebote an die Bevölkerung gegeben habe, wie etwa den Rufbus, die aufgrund mangelnder Nachfrage eingestellt werden mussten.
Claudia Roth merkte an, dass laut aktuellen Umfragen die Hälfte der Menschen in Deutschland gerne auf ein eigenes Automobil verzichten würde. Vor allem ältere und behinderte Leute werden durch den ausgedünnten ÖPNV auf dem Land von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Applaus erntete Roth für die Feststellung, dass der jetzige Verkehrsminister Dobrindt ein Totalausfall sei, der lediglich das Interesse einiger weniger Konzernlobbyisten vertrete.
Der seit 2 Jahren pensionierte Schweinfurter Schulrat Jürgen Eusemann stellte den Schulen im Landkreis Schweinfurt ein gutes Zeugnis aus. Die Übertrittsquoten an Realschule und Gymnasium entsprächen dem bayerischen Durchschnitt, die Integration der Geflüchteten sei dank sehr engagierter Lehrer auf einem guten Weg. Allerdings hätten kleine Zwerg-Grundschulen wie etwa in Wasserlosen das Problem, dass sie aufgrund ihrer niedrigen Schülerzahlen nur wenige Deputatstunden bewilligt bekommen, so dass es dort kaum möglich ist, zusätzlich zum Unterricht etwa Musik- oder Sport-Neigungsgruppen anzubieten.
Claudia Roth betonte, dass Bildung nicht erst mit der Grundschule anfange. Sie forderte eine bessere und vorallem flächendeckende Versorgung mit Ganztags-Kitaplätzen sowie eine Aufhebung des Kooperationverbots zwischen Bund und Ländern bei der Finanzierung von Bildung.

Dr. Lothar Schmid, Hausarzt in Gochsheim und Vorstand der Kreisärzteschaft, war zum Thema "medizinische Versorgung auf dem Land" eingeladen. Er beschrieb Probleme von Einzelpraxen auf dem Land und Probleme der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Aus vielschichtigen Gründen werde die ortsnahe Versorgung durch hausärztliche Einzelpraxen zentraleren Gemeinschaftspraxen mit Zweigniederlassungen weichen. Es gebe zu wenig Studienplätze für Mediziner, nicht nur in der ambulanten Versorgung sei die Personaldecke äußerst knapp bemessen, die Zeit für umfassende Weiterbildungen fehle den Ärzten häufig. Claudia Roth waren die von Dr. Schmid angesprochenen Probleme nicht neu - sie hört von ihrer Schwester, selbst als Hausärztin auf dem Lande tätig, ähnliches über das deutsche Gesundheitssystem.

Ausführlich war der Bericht von Rainer Patzke. Der Dittelbrunner Gemeinderat engagiert sich seit Ende 2015 als Asylhelfer. Er beklagte vor allem die überzogene Bürokratie, mit denen die Geflüchteten, ihre Unterstützer und ihre potentiellen Arbeitgeber von behördlicher Seite oft ausgebremst werden. Selbst Geflüchtete, die arbeiten und ihren Lebensunterhalt komplett selbst bestreiten, werden durch Wohnsitzauflagen gegängelt und müssen oftmals mit Abschiebungen rechnen. Claudia Roth betonte, dass es unumgänglich sei, neben einem individuellen Recht auf Asyl auch endlich ein sinnvolles Einwanderungsrecht zu schaffen. Aber auch Geflüchtete müssten vom ersten Tag an die deutsche Sprache lernen können. Eine rasche Integration möglichst vieler Geflüchteter sei das beste Mittel gegen Überfremdungsängste.

Paul Knoblach, Biobauer und Grünen-Kreisrat und bis Mai 2017 Vorstand des weltweiten Naturland-Verbandes, komplettierte die Runde der anwesenden Aktiven. Obwohl die meisten Leute kein nteresse an Landwirtschaft hätten, sei sie die Grundlage jeglichen Lebens. Knoblach und Roth stimmten darüber ein, dass dem aktuellen Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) als Interessenvertreter der Agrarindustrie die Eignung für sein Amt fehle. Kritisch merkte Knoblach an, dass auch die Grünen mehr für die Landwirte tun könnten, jedoch seien sie mit großem Abstand noch am kompetentesten in Landwirtschaftsfragen.

In ihrer abschließenden Zusammenfassung ließ Barbara Pfeuffer, Direktkandidatin der Grünen, besonders zum Thema Bildung noch einmal eigene Gedanken und Ideen mit einfließen. Sie betonte noch einmal, wie wichtig die Stärung des ländlichen Raums sei und dass sie es als Aufgabe der Grünen sehe, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Claudia Roth zeigte sich beeindruckt, wie vielfältig und bunt der Landkreis Schweinfurt ist. Sie dankte den anwesenden Entscheidungsträgern für ihr nachhaltiges berufliches und ehrenamtliches Engagement und lobte den unermüdlichen Einsatz der örtlichen Direktkandidatin Barbara Pfeuffer.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.